Wie der Wunsch nach Flexibilität missverstanden wird

Nein, wir können nicht 10 Jahre in die Zukunft planen. Die Welt ändert sich zu schnell, die Wettbewerber von Heute können morgen schon vorbei sein und platz gemacht haben für neue. Wir müssen uns die Flexibilität erhalten um das zu schaffen was Amazon und Co nicht schaffen.

Hört sich das bekannt an? Zu häufig habe ich selbst in Meetings gesessen, Diskussionen geführt oder einfach nur zugehört, wie es missverstanden wird was Flexibilität wirklich bedeutet. Erstaunlicher weise, so denkt man zumindest anfangs, sind es gerade die kleinen bis mittleren Player im Online Handel die zwar sich die Flexibilität und Dynamik auf die Fahne schreiben, aber in Wahrheit sich bewegen wie Tanker. Während Amazon Produkte wie Amazon Echo, Amazon Prime, Amazon Prime Now, Amazon Go, Amazon Video, Amazon Music, Amazon Dash Button die AWS Cloud und das Fulfillment für alle öffnen, ganz zu schweigen von den Innovationen im Bereich eCommerce selbst und dem Marktplatz, reden sich viele Online Händler immer noch ein das man ja selber so wahnsinnig Flexibel ist und so Kundenwünsche, wünsche der Hersteller und co erfüllen kann. AUFWACHEN! Bitte … Die Welt um euch herum ist bereits viel flexibler, ihr seid nicht das junge dynamische Team das durch Innovative tolle Lösungen den großen das Leben schwer macht. Wenn dem so währe, dann währt ihr nun einer der Großen. Denn das was einen Amazon ein AboutYou oder ein Zalando stark macht wäre dann auch bei euch vorhanden. Doch in Wirklichkeit ist dem doch nicht so, während man selber noch damit beschäftigt ist für den Partner einen Banner in den Shop zu programmieren, haben die großen Player die Platzierung der Banner bereits programmatisch gesteuert, auf die Nutzer zugeschnitten und so den Marken eine unglaubliche Möglichkeit geschaffen. Während man selber sich für für die Umsetzung einer Marketing Kampagne feiert, „die so niemals von einem großen umgesetzt werden könnte“, habe diese wenig flexiblen großen in der Zeit die neue Mobile App entwickelt, das Prinzip der Shopping Clubs ausprobiert und dank BI Umsatz und Ertrag um Raten gesteigert von denen man selber nur träumt.

Doch woher kommt dies? Warum hat man selber diese Vorstellung von Flexibilität und wie schaffen es die großen das zu machen von dem man selber dachte das es der eigene Vorteil ist?

Die eigene Wahrnehmung

Guck mal die bewegen sich wie eine Behörde, mit all diesen Abläufen und Strukturen. Diesen Vorlagen und Vorgaben diesen Meetings und Diskussionen und dann wird anstatt es einfach zu machen auch noch diskutiert über Tracking, den Mehrwert für die Kunden und wie es in die generelle Strategie passen würde. Dabei kann ich einfach ins Büro gehen, den Leuten ins Gesicht gucken und sagen: „Wir machen das nun einfach mal so“. Herrliche Freiheit und Flexibilität! Klotzen statt Kleckern, Ärmel hoch und einfach machen. Ständig hat man das Gefühl man schafft etwas, neue Produkte werden entwickelt, neue Funktionen entstehen. Hinterfragt wird wenig, Auswirkungen können nicht gemessen werden aber wenn jemand Fragt sind sich alle einig. An zu wenig Einsatz kann es nicht liegen!

Diese Art von Aktionismus ist es die Kopf und Ziellos dafür sorgt das man zwischen Themen ohne Prioritäten springt. Man investiert Zeit und Ressourcen in Bereiche mit Marginalem Potenzial für Veränderungen, Auswirkungen können nicht bewertet werden doch man läuft vermeintlich zumindest vorwärts. Natürlich ist ein neuer Checkout eine Möglichkeit die Conversion Rate zu steigern und letztendlich Umsatz zu generieren. Aber ist das die Stelle mit dem höchsten Impact? Ist es eine sinnvolle und gut durchdachte Möglichkeit? Ist man dafür bereit die Auswirkungen zu messen und darauf mit Anpassungen zu reagieren oder hinterlässt man einfach nur etwas neues?

Strukturen sind nicht der Feind der Flexibilität, sie sind die Grundlagen!

Immer der gleiche Ablauf? Immer die gleichen Ansprechpartner, Verantwortlichkeiten und Tools? Langweilig! Festgefahren! Bürokratisch! Oder? Ist eine Struktur vorgegeben und der Ablauf bekannt, können Ideen und Verbesserungen schnell und effizient umgesetzt und getestet werden. Jedem ist klar was zu tun ist, angefangen von der Bewertung des Vorschlags über die Betreuung bis hin zur Umsetzung und der anschließenden Messbarkeit. Kann das funktionieren? Werden die Kunden das verstehen? Auch in so einem Umfeld können diese Fragen in regelmäßiger Häufigkeit nicht abschließend geklärt werden. Aber mit Sicherheit sind sie immer noch besser zu beantworten in einem Umfeld wo Veränderungen Messbar und der Prozess transparent geworden ist. Man lernt aus Fehlern, erkennt die Positiven Änderungen und Fokussiert sich auf die Punkte die den größten Erfolg versprechen. Dadurch entstehen weniger Situation in denen vermeintlich gute Ideen negative Auswirkungen haben und Zeit für Projekte investiert wird die es einfach nicht wert sind.

Der Anfang

Gerade eCommerce Unternehmen mit einer Historie von größer 10 Jahr haben damit zu kämpfen. Unerfahren waren sie am Anfang, sind durch den Boom im Online Handel regelrecht überrollt worden und schaffen es nur mit viel Mühe die aus etablierten Unternehmen bekannte Strukturen zu schaffen. Hier mal ein Head of Marketing, da mal ein Projektmanager für die IT und weitere Führungskräfte oder Organisatorische Stellen die für verbesserte Abläufe, Optimierungen der Abteilungen und Kommunikation zwischen den Abteilungen sorgen sollen. Dazu Controlling und BI für die Kontrolle und Ausrichtung, insbesondere aber auch um aufzuzeigen was funktioniert und was nicht. Um genau das zu erreichen von dem so viele sprechen „Know How aufbauen“. In meiner Zeit bei XYZ haben wir das so gemacht und das hat fantastisch funktioniert. Ganz ehrlich? Tolle Geschichte! Aber wir müssen diese Erfahrung, in einer neuen Zeit, mit neuen Randbedingungen, veränderten Mitarbeitern und Kundenschichten noch mal machen. Erfahrungen in das Unternehmen einzukaufen funktioniert nicht in einer Zeit in der die Marketing Maßnahmen regelmäßig überholt werden und bei denen Wettbewerb und Nutzerverhalten sich praktisch monatlich ändert. Man sollte einfach nicht dem Glauben erliegen das man Erfahrung einkaufen kann. Was man aber in das Unternehmen holen kann ist die Wissbegierde, den Drang und Wunsch nach etwas besserem zu streben und die entsprechende Motivation zu haben. Sicherlich auch die Organisatorischen Grundlagen zu kennen um darauf aufbauend die Zukunft aktiv mit zu gestalten.

Wer sich aufstellt wie ein Wackelpudding, froh über die Möglichkeit sich neuen Formen anzupassen, der ist nicht flexibel, sondern ein Wackelpudding. Es gibt keine Struktur, keine Stützpfeiler, keine Substanz und nichts was darauf hindeutet das man bei der nächsten Veränderung nicht anstatt sich anzupassen einfach in sich zusammen fällt und im nichts verschwindet.

Überlegt also wie ihr euch aufstellt, ob nicht doch mal über klarere Strukturen gesprochen werden sollte, ob nicht Abläufe definiert werden müssen um es zu beschleunigen, anstatt immer wieder aufs neue über die Umsetzung zu sprechen. Wir alle stehen vor der Herausforderungen das wir nicht mehr nur beobachtender Teil der Unternehmen werden, sondern diese aktiv mit gestalten müssen. Die Zeiten in denen man einen Job durchführt der vorher besetzt war wird zunehmend seltener. Heute übernehmen wir Aufgaben in Felder die vor 10 Jahren nicht existierten und arbeiten in Unternehmen mit hunderten von Leuten ohne die üblichen Organisationsstrukturen. Wer jedem Mittarbeiter einen Supervisor zuteilt wird auf lange Sicht genau so wenig davon haben wie die Firmen die auf Köpfe verzichten und hoffen das sich Abteilungen selber organisieren ohne die Vorgehensweise zu kommunizieren.

Flache Hierarchien muss man sich leisten können, sie sind ein Zusammenspiel der Mittarbeiterzahl und der Art der Leute die rekrutiert werden. Doch zwei Leute zwischen Geschäftsführung und Mittarbeiter einer Abteilung zu haben muss nicht bedeuten das Änderungen weniger schnell und flexibel gemacht werden können. Es bedeutet nur das sich auch mal jemand Zeit nehmen kann und es Leute gibt dessen Aufgabe es ist die internen Abläufe zu verbessern. Anstatt dies jedem Mittarbeiter selber zu überlassen.

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