Longtail im eCommerce

Schon eine ganze Weile beschäftige ich mich mit der Fragestellung ob wir durch die Vielzahl von Marken und Möglichkeiten in unserer Digitalen Zeit einen Trend haben zu mehr Individualität und Personalität bei Produkten und Dienstleistungen.

Wir haben heute mehr als früher die Möglichkeit Produkte zu erwerben die wir zunehmend selber bestimmen können. Egal ob das Müsli von MyMuesli, den Aufdruck bei Schuhen und T-Shirts bei Nike und Spreadshirt oder auch die Zusammenstellung von PC Systemen im Konfigurator ist.

Darüber hinaus ist scheinbar die Menge an Produkten in jeder Kategorie auch weiter gestiegen. Hat man früher im Kaufhaus 5 blaue Hemden gefunden sind es nun dank Zalando und Co eher hunderte.

Vieles von diesen Entwicklungen ist dem digitalen Wandel zuzuschreiben und insbesondere auch der Globalisierung. Mussten wir früher um die Produkte zu guten Preisen verkaufen zu können, auf wenige Artikel beschränken um dort Skaleneffekte zu erzeugen, kann man heute auch Produkte von wenigen hundert produzieren ohne sich damit preislich in das Abseits zu manövrieren.

Jetzt haben wir also diese Welt bei der es scheinbar mehr Artikel in jeder Kategorie gibt und somit die Auswahl für den Kunden dank eCommerce und guter Logistik viel umfangreicher ist als früher. Doch wie reagiert nun der Kunde?

Produktauswahl aus Kundensicht

Mehr Möglichkeiten und Auswahl bedeutet auch immer das man als Kunde eine Entscheidung treffen muss. Den Fernseher von SAMSUNG oder von LG? Das T-Shirt von Hugo Boss oder von Tom Taylor? Für diese Entscheidungen brauchen wir Hilfe als Kunde. Sei es durch Informationen über das Produkt die uns erklären sollen warum Fernseher A besser ist als Fernseher B oder das genaue Aussehen bei T-Shirt A gegen B. Oder aber der ganze Bereich Branding, bei dem wir schon mit dem Mindset starten ein Produkt von Hersteller X zu holen.

Nun vergleichen wir aber nicht mehr nur einige wenige Artikel, sondern eher hunderte, was in sich einfach schon ein unglaubliches Problem darstellt. Kann man bei günstigen Artikeln oft noch eine Abkürzung Richtung Impulskauf nehmen sieht es mit steigendem Preis oft anders aus.

Doch wie wählen Kunden denn heute die Artikel?

Wir starten heute über 55% unserer Online Käufe auf Amazon, suchen dort häufig dann nach generischen Begriffen. Ähnlich ergeht es uns auf Google und anderen Plattformen. All diese Plattformen haben für uns gleich eine Reihenfolge geschaffen in der Ergebnisse präsentiert werden.

Hier kann sich ja jeder selber fragen wann er das letzte Mal bei Google über die Seite eins hinaus gegangen ist oder bei Amazon Produkte nach der Initialen Seite besucht hat. Ja diese Fälle gibt es, aber was sicherlich jedem direkt klar wird, gemessen an der Gesamtzahl der Möglichkeiten beschäftigen wir uns trotzdem nur mit einigen wenigen.

Wegen der Menge an Möglichkeiten haben sich außerdem zunehmend Dienste gebildet die einen beratenden Charakter haben. Sei es ein Glossybox, Modomoto, Outfittery, PcPartpicker oder andere. Das Ziel von denen ist die richtige Auswahl für jeden zu finden und so das Problem der Möglichkeiten zu reduzieren.

Anscheinend haben wir nun also mehr Auswahl als früher, nutzen aber weniger und bedienen uns zunehmend der Möglichkeit anderen die Entscheidung zu überlassen was gut für uns ist, sei es durch Toplisten oder Beratung. In sich scheint dies nun ein Wiederspruch zu sein. Auf der einen Seite die steigende Anzahl von Artikeln und dann gucken wir uns eCommerce Lösungen an und verbringen irgendwie dann doch die Meiste Zeit bei den gleichen Artikeln. Warum das trotzdem zusammen passen kann und kein Wiederspruch sein muss klären wir nun:

Warum der Anstieg von Marken und Produkten kein Zeichen für mehr Individualität bei den Kunden ist

Auf den Ersten Blick scheint die Schlussfolgerung offensichtlich zu sein:

Mehr Marken, Mehr Produkte => Kunden versuchen sich von anderen zu unterscheiden und wollen nicht mehr Einheitskonform sein.

Dieser Schlussfolgerung kann ich aber leider wenig abgewinnen, es ist zwar richtig das wir nun mehr Produkte haben. Aber die etablierten Marken verlieren ihre Anteile aus unterschiedlichsten Gründen. Viele davon haben aber genau nichts damit zu tun das die Kunden nun ein neues Gefühl entwickelt haben sich individueller auszudrücken.

Wir haben bereits weiter oben über die Plattformen wie Google und Amazon geredet und leider kommt auch hier wieder das Thema GAFA und Kundenzugang. Denn dieser Kundenzugang entscheidet auch zu einem großen Teil darüber was für Artikel wir sehen und was wir kaufen.

Genau aus diesem Argument ist es dann auch möglich neue Marken und Produkte zu verkaufen ohne als Grundlage eine Personalisierung oder Individualisierung anzuführen. Der Weg den wir zu Produkten nehmen ist heute bereits von den großen vorbereitet. Damit kann durch kluges Marketing und Positionierung auf den Plattformen sich auch neue Marken etablieren (oder?).

Markenloyalität

Es ist genau diese Argumentation, die des Kundenzuganges und der Anordnung der Produkte die es auch erklärt warum es praktisch keine Loyalität für Marken mehr gibt. Amazon ist in den USA mit Amazon Basic Artikeln bereits in einigen Bereichen führend. Gerade Produkte des täglichen Bedarfs sind extrem anfällig für einen Wechsel. Egal ob Batterien, Nahrungsmittel oder Windeln.

Genau wie der Wechsel von einem Online Shop zum anderen unglaublich einfach ist, wie ja auch das rasante Wachstum von Amazon und Co gezeigt hat, ist auch der Wechsel zu einer anderen Marke nur ein kleiner Schritt. Damit ist die Grundlage schon mal geschaffen warum ein Wechsel besonders leicht von statten geht. Aber auch eine Erklärung gefunden warum wir nicht Loyal zu Marken sind, die Motivationen die uns dazu gebracht haben zu Wechseln, kann auch der nächste Anbieter wieder nutzen um sich selbst dort zu platzieren.

Wir wählen unsere Produkte nach Reihenfolgen und Bewertungen auf Plattformen und ziehen so zunehmend die Bedeutung von Marken in den Hintergrund.

Fazit

Wie oben beschrieben sehe ich nicht so sehr die Personalisierung und Individualisierung als Treiber für die steigende Zahl von Marken sondern viel mehr die Art wie wir heute an diese Artikel kommen.

Den Punkt den ich nun im Nachgang spannend finde ist die Frage wie sich die Marken gegen diesen Trend vermeintlich stellen können. Es wird gerade im Investoren Kontext verstärkt die Frage gestellt wie mannn sich gegen die GAFAs dieser Welt verteidigen kann und wie man sich hier entsprechend positionieren kann. Diese Fragestellung hat natürlich auch Einfluss auf die Marken die von der Problematik heute nicht ausgenommen sind.

Obwohl es heute einfacher ist in das Regal zu bekommen und so von Kunden gekauft zu werden ist es trotzdem so, dass dies nicht gleichbedeutend ist mit gekauft zu werden. Denn die Vorgänge im Kopf der Kunden sind heute andere. Brauchten wir früher Marken um zu erklären welche Produkte gut sind. Spielen heute andere Punkte eine viel größere Rolle.

So können auch Anbieter die momentan einen guten Platz bei Amazon oder in der Google Suche haben durch neue Anbieter die in den Markt drängen von diesem Platz vertrieben werden ohne sich dagegen wirklich verteidigen zu können.

Es gibt kein pauschales Konzept nachdem wir sagen können: Ja so verteidigen wir uns auch in Zukunft gegen GAFA und Co. Alles ist immer sehr situationsbezogen und natürlich eine Momentaufnahme. Vor 2 Jahren hätten glaube ich die wenigsten geglaubt das ein Produkt wie der Amazon Echo so ein Erfolg wird.

Mit solchenn Veränderungen ist es daher um so schwieriger sich zu positionieren. Ist mann nun dazu verdammt von Amazon erschlagen zu werden? Wohl eher nicht, es gibt durchaus immer noch Bereiche die nicht gut oder nicht abschließend von Amazon bedient werden. Allerdings muss es dafür in den Köpfen klick machen. Denn wer nun meint durch einen weiteren Online Shop in Konkurrenz zu Amazon treten zu wollen. Der wird wohl dann doch ein problematischen Weg einschlagen.

Trotzdem gibt es Hoffnung Unternehmen in einer Größe zu etablieren die beeindruckend sind und zumindest die Grundlage geschaffen haben sich gegen Amazon und Co zu stellen. Sei es ein Hellofresh, ein Zalando oder andere!

 

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